29. August 2011: Der Duft der Frauen
Der Tag will nicht enden im Krankenhaus Bremen Nord für Schwester Ulla... sie schreibt die Ziffernfolge 6/4 auf das Einmal-Laken des Patiententisches.
Es ist kurz vor 14.00 Uhr und sie ahnt noch nicht, dass der Patient mit dem Namen "Dieter Roeseler" nicht nur eine absolut langweilige Spinal-Betäubung bekommen soll, sondern auch verstimmt bis zum Anschlag ist, weil er schon für 10.30 Uhr einbestellt worden war und nun hungrig ist. Sehr, sehr hungrig... und immer noch nicht operiert! Noch nicht einmal betäubt!
Mein ganzer angesammelter Ärger über das - nennen wir es gnädig "optimierungsfähige" - Zeitmanagement in der Klinik und natürlich darüber, dass ich von diesem saulecker riechenden Hackepeter heute morgen auch gar überhaupt nix essen durfte wegen der anstehenden OP, zeitigt offenbar unbewusste physische Protest-Spitzen:
Schwester Ulla, ihres Zeichens eine ausgesprochen routinierte und freundliche Fachkraft, die sich ganz und gar nicht leicht aus der Reserve locken lässt, verzweifelt an meinen Venen und streckt nach zwei Fehlversuchen die (Viggo-)Waffen. Der nächste Kollege nach nur einem Fehlversuch... bevor ich beginnen kann, mir ernsthaft Gedanken darüber zu machen, wie sinnvoll mein Wunsch nach einer Spinalanästhesie für den weiteren Verlauf meines Lebens gewesen sein mag, hat die laufende Nummer 3 verwandelt und mir einen funktionierenden Zugang gelegt.
Damit die eigentliche Betäubung was schneller vonstatten geh'n kann, umfasst Schwester Ulla meinen Nacken und presst meine Stirn sanft gegen ihre linke Schulter, während ihr Kollege irgendwas an meinem Rückenmark macht....
"Lass Dir Zeit, Junge - lass Dir jetzt bloss Zeit!" denk' ich noch beim ersten tiefen Atemzug...
Was für ein sinnlicher Geruch... ganz weit hinten in ihrem Duftbouquet vermute ich Sägespäne und ehrlichen heissen Pferdeschweiss und dann hat Kollege Nummer 2 leider schon seinen Job in meinem Rücken vollbracht und mein kurzer Ausflug in einen sensorischen Garten Eden wird abrupt durch die üblichen Klinikgerüche unsanft beendet.